Eine besondere Ehre für den VokalHerbst Gaustadt: Am Samstag, 24. Oktober, präsentierte die Bamberger A-cappella-Gruppe Quintessenz ihr neues Programm „Stereotypen“ erstmals vor Publikum. Im nahezu ausgebuchten Alten Kino erlebten die Gäste einen Abend voller musikalischer Überraschungen, virtuoser Gesangskunst und ebenso kluger wie herrlich selbstironischer Musikcomedy.
Schon das liebevoll gestaltete Bühnenbild weckte nostalgische Gefühle. Eine überdimensionale Tonbandkassette erinnerte an vergangene Zeiten und stimmte auf eine musikalische Reise ein, die besonders häufig in die Popwelt der 1990er-Jahre führte. Doch Quintessenz wäre nicht Quintessenz, wenn die fünf Sänger bekannte Hits einfach nur aneinanderreihen würden.
Stattdessen entstanden kunstvoll arrangierte, teils minutenlange Medleys, die den Sängern stimmlich wie rhythmisch einiges abverlangten. Rasante Wechsel, überraschende Übergänge und gleichzeitig erklingende Melodien sorgten immer wieder für Staunen. Besonders eindrucksvoll war ein Disney-Medley, in dem u. a. „Can You Feel the Love Tonight“ aus Der König der Löwen, „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus Das Dschungelbuch und „Lass jetzt los“ aus Die Eiskönigin gleichzeitig erklangen und sich zu einem verblüffenden musikalischen Gesamtklang verbanden. Ein anderes Medley führte durch die Geschichte der Boybands: von den Urvätern, den Comedian Harmonists, bis zu den bekannten Vertretern der 1990er- und frühen 2000er-Jahre wie Take That, den Backstreet Boys und NSYNC.
Auch stimmlich überzeugte das Ensemble mit einem bemerkenswert geschlossenen Klangbild. Vom warmen, melodischen Bass Michael Zeders bis zu den strahlenden Tenorhöhen Veit Meiers entfaltete sich ein facettenreicher A-cappella-Sound. Mit Queen-Klassikern wie „Don't Stop Me Now“ und „Somebody to Love“ bewiesen die Sänger zudem, wie viel Energie fünf Stimmen ganz ohne Instrumentalbegleitung entwickeln können. Bei „Ohne dich“ von der Münchener Freiheit wurde schließlich auch das Publikum zum Mitsingen eingeladen.
Doch Quintessenz beherrschen nicht nur den A-cappella-Gesang auf höchstem Niveau. Ebenso wichtig ist die Musikcomedy, die das Ensemble seit Jahren auszeichnet. Pfiffige Schlagabtausche, pointierte Zwischenmoderationen und spontane Interaktionen mit dem Publikum ließen die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum immer wieder verschwimmen. So erkundigten sich die Sänger beispielsweise, über welche Kanäle die Gäste vom Konzert erfahren hatten, und zeigten sich mit gespieltem Stolz darüber, dass es Quintessenz sogar ins Wochenblatt geschafft hatte.
Der Programmtitel „Stereotypen“ erwies sich dabei als ausgesprochen treffend. Die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe der Sänger – vom Musiker über den Historiker und Ingenieur bis zum Juristen – boten reichlich Stoff für selbstironische Betrachtungen. Da gerieten die Ausführungen des Historikers schon einmal herrlich ausufernd, während der Jurist selbst in romantischen Situationen noch juristische Fallstricke entdeckte.
Bei aller Ironie blieb aber auch Raum für persönliche und ernst gemeinte Worte. Die Sänger richteten mitunter überraschend berührende Botschaften an ihre Bandkollegen. Wie sich im anschließenden Gespräch herausstellte, hatten sie einander diese Gedanken bewusst nicht vorher verraten. So gelingt es Quintessenz offenbar selbst nach fast zwanzig Jahren gemeinsamer Bandgeschichte noch, sich gegenseitig zu überraschen.
Für besondere Heiterkeit sorgte auch das augenzwinkernd vorgestellte „fünfte Bandmitglied“: eine Loop-Maschine. Wie diese funktioniert, demonstrierten die Sänger unmittelbar auf der Bühne. Einzelne Stimmen und Harmonien wurden nacheinander eingesungen, aufgenommen und übereinandergeschichtet, bis sich vor den Ohren des Publikums ein vielstimmiger Klang entwickelte, der sich schließlich zu „This Is Me“ aus The Greatest Showman verdichtete.
Gerade dazu passte ein weiterer Gedanke des Abends: ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kleinkunst, für handgemachte Unterhaltung und gegen die Beliebigkeit KI-generierter Inhalte. Dass technische Hilfsmittel durchaus ihren Platz haben können, zeigte die Loop-Maschine eindrucksvoll. Entscheidend bleibt, wie kreativ sie eingesetzt werden – und dass der unmittelbare Kontakt zwischen Künstlern und Publikum dabei nicht verloren geht.
Für Quintessenz war der Auftritt zugleich eine Art Heimspiel. Seit Jahren ist das Ensemble dem Alten Kino durch Probenarbeit, die Mitwirkung am Bühnenkonzept und mehrere Auftritte eng verbunden. Dass die Premiere von „Stereotypen“ ausgerechnet hier stattfinden konnte, war deshalb auch für den VokalHerbst eine besondere Freude. Wir bedanken uns herzlich für diesen außergewöhnlichen Konzertabend und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!